Die historische Entwicklung von Neubabelsberg

I. Das kurfürstliche und königliche Gebiet

Das Gebiet um den Griebnitzsee mit seinen waldreichen Ufern gehörte schon zu Zeiten des Großen Kurfürsten zu den bevorzugten Gegenden des Potsdamer Raums. Auf der Klein-Glienicker Seite des Sees ließ der Kurfürst ab 1682 das Jagdschloß Glienicke mit einer auf den Griebnitzsee ausgerichteten Allee erbauen. Der auf der Potsdamer Seite gelegene Babelsberg – damals noch als “Baberow” oder auch als “Boberow” bezeichnet, weil hier ursprünglich Biber (urslawisch bobro = Biber) lebten – diente dem Kurfürsten als Wildpark bzw. als “Klein-Thiergarten”. Der “Große Thiergarten” befand sich weiter im Westen, westlich der Teltower Vorstadt und umfaßte im wesentlichen die Potsdamer Heide, wie uns die berühmte Karte der “Churfürstlichen Herschafft Potstamb” von Samuel de Suchodoletz aus dem Jahre 1683 verrät. (1)

Während das Jagdschloß unter den preußischen Königen allmählich verkam, um unter Friedrich dem Großen schließlich als Tapetenfabrik (!) zu dienen, gewann der Babelsberg langsam an Wertschätzung. Er erweckte insbesondere die Begehrlichkeiten des Prinzen Wilhelm (1797 – 1888), zweiter Sohn Friedrich Wilhelms III. und seiner Gemahlin Luise und seit 1871 als Wilhelm I. deutscher Kaiser. Wilhelm, der die schöne Aussicht vom Babelsberg schon als junger Mann beim Manöver entdeckt hatte, ließ sich aber 1833 auf den Anhöhen des Babelsberges von Karl Friedrich Schinkel ein Schloß im Stil der Tudorgotik erbauen. Schloß Babelsberg blieb ihm auch nach seiner Kaiserkrönung bis zu seinem Tode Lieblingsaufenthalt. Hier traf Wilhelm I. wichtige politische Entscheidungen, und hier starb er auch.

Die Qualitäten und Vorzüge des Geländes am Griebnitzsee hatte inzwischen auch Wilhelm v. Türk, der “preußische Pestalozzi” erkannt. Der Jurist v. Türk (1774-1846; Grab auf dem Friedhof in Klein-Glienicke), Sohn des Meininger Kammerpräsidenten Otto Philipp v. Türk, früh Halbwaise und durch Krankheit einseitig blind und taub, lebte nach Studien in der Schweiz – u.a. bei Pestalozzi – seit 1817 als Regierungs- und Schulrat in Potsdam. Neben vielen anderen Fürsorgeeinrichtungen gründete er 1827 in dem von ihm erworbenen Jagdschloß Klein – Glienicke die “Waisen-Versorgungs-Anstalt zu Klein-Glienicke”. Wilhelm v. Türk reaktivierte auch die unter dem Großen Kurfürsten angelegten Glienicker Maulbeerplantagen, um der Seidenraupenzucht neuen Auftrieb und seinen Zöglingen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben. Er dehnte die Plantagen durch Ankauf von Teilen des Babelsberges aus und zog sich nach seiner Pensionierung 1833 ganz in sein “Etablissement” auf dem von ihm erworbenen Forstgrundstück in Klein-Glienicke zurück, das er im Laufe der Jahre zum “Türkhof” ausweitete. Dieser Türkhof erstreckte sich wie die Plantagen bis an den Park Babelserg und umfaßte u.a. das Grundstück Karl-Marx-Str. 27-29, auf dem heute die Villa Mosler steht.

 

II. Gründung der Villenkolonie Neubabelsberg

1. Die Gründungsphase

Durch die günstige Verkehrsanbindung an die Berliner-Potsdamer Eisenbahn, die schon seit den sechsziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen Haltepunkt östlich des heutigen Bahnhofs Griebnitzsee (an der Neuen Kreisstraße in Kohlhasenbrück) besaß, noch mehr aber durch die 1872-74 erbaute, bis nach Potsdam führende “Wannseebahn” gewann das Gebiet zusätzlich an Attraktivität und erweckte damit auch die Aufmerksamkeit von Unternehmern. Zudem ließen der gewonnene Krieg gegen Frankreich 1870/71 und die Reichsgründung einen starken wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen, der ein immenses Gründungsfieber entfachte, das sich unter anderem auch in einem enormen Bauboom niederschlug.

Die beiden renomierten Berliner Königlichen Regierungs- und Bauräte Hermann Ende (1829-1907) und Wilhelm Böckmann (1832-1902), die von 1859-1895 als Ende & Böckmann ein florierendes Architekturbüro mit überregionalen Aufträgen - und vorübergehend auch einer Zweigniederlassung in Japan – betrieben, erwarben zwecks Errichtung einer Villenkolonie mit kaiserlicher Zustimmung (Kabinettsorder vom 8.9.1872) ein großes forstfiskalisches Gelände, das sich zwischen dem Griebnitzsee und der Gemarkung Neuendorf erstreckte. Sie ergänzten das Terrain im Süden durch einige Neuendorfer Flurstücke (an der Domstraße und Stubenrauchstraße) und im Norden am Rande des Parks Babelsberg durch den Kauf des Türkhofs. In vielfacher Hinsicht Vorbild für dieses Unternehmen, an dessen Finanzierung sich der Berliner Bankier J. Müller beteiligte, war die kurz zuvor durch Wilhelm Conrad (ebenfalls Bankier aus Berlin) gegründete, seit 1868 parzellierte Villenkolonie “Alsen” in Wannsee. Aber auch für die Architekten Ende & Böckmann war das Thema Villenkolonie nicht ganz neu. Sie hatten sich bereits in Berlin mit der Planung einer Villenkolonie in der Tempelhofer Vorstadt, am Osthang des Kreuzbergs, befaßt. Diese Kolonie “Wilhelmshöhe”, die noch auf Lennésche Entwürfe zurück ging, wurde jedoch nur in Teilen ausgeführt und ist heute weitgehend verschwunden.

1873 erließen die Initiatoren der Villenkolonie Neubabelsberg “Allgemeine Vorschriften für die Bebauung des Terrains der Societät Ende und Böckmann und Genossen am Griebnitzsee bei Babelsberg”(2). Zweck dieser Vorschriften war, “ein einheitliches Bild in ästhetischer Hinsicht zu schaffen und Landspekulationen vorzubeugen”, wie der Chronist von Neubabelsberg, Kurt Weiden vermerkt. Er zählt die diversen Verpflichtungen Punkt für Punkt auf:

 

2. Parzellierung und Straßenplan

Das Terrain wurde in 176 Parzellen aufgeteilt. Bei der Parzellierung orientierte man sich an dem neu geschaffenen Straßenplan, dem ein strenges System zugrunde lag. Für das Herzstück der Anlage wählte man die Form des Hippodroms, eine aus der Antike abgeleitete, von Schinkel und Lenné häufig verwendete Figur (z.B. Russische Kolonie Alexandrowka, Hippodrom im Park von Charlottenhof, Garten der Villa Jacobs, Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg), die später bevorzugt auf das Konzept von Villenkolonien übertragen wurde und noch heute verschiedentlich im Stadtgrundriß von Berlin – etwa in Wannsee, aber auch in Lichterfelde und in Friedenau – deutlich ablesbar ist. (4)

Auffallend und ungewöhnlich ist jedoch, daß die Figur des Hippodroms in Neubabelsberg nur zur Hälfte ausgeführt wurde. Zwei Gründe waren hierfür vermutlich ausschlaggebend gewesen.

Da die Hauptachse der Kolonie, die heutige Karl-Marx-Straße, vom Bahnhof Griebnitzsee im Süden möglichst gradlinig nach Norden zum Schloß Babelsberg verlaufen sollte und deshalb ziemlich dicht am Ufer des Griebnitzsees entlanggeführt wurde, blieb zwischen Straße und Uferkante nur wenig Platz übrig. Es war somit sinnvoller, das Ovalid des Hippodroms quer zu dieser Straße anzuordnen. Die ursprünglich im Halbkreis – ohne den Appendix – angelegte heutige Virchowstraße bildet zusammen mit den drei in ihrer Verlängerung bzw. ihrem Scheitelpunkt anzusetzenden, völlig parallel verlaufenden Straßenzügen Sauerbruch-, August-Bier- und Robert-Koch-Straße den östlichen Teil dieser Hippodromform. Um die Figur zu schließen, hätte das Straßennetz westlich der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße ihre spiegelbildliche Ergänzung finden müssen. Die Neuendorfer Gemarkungsgrenze erlaubte jedoch die Realisierung dieses Planes nicht. Die bewußt quer zur Hauptachse der Kolonie gestellte markante Form des Hippodroms bezeugt indes, daß man mit einer späteren Umsetzung des Gesamtkonzeptes, d.h. mit einer Erweiterung auf Neuendorfer Gebiet, durchaus rechnete.

Die Systematik der Planung ist auch an den Straßennamen der Kolonie ablesbar. Sie lassen ein klares Konzept erkennen, das bei den späteren Umbenennungen konsequent weitergeführt wurde. Die vom Bahnhof Neubabelsberg zum Schloß führende Hauptachse der Kolonie, die als kaiserlicher Weg geplant war, jedoch nie als solcher genutzt wurde, da der Kaiser bei seinen Babelsbergbesuchen den Haltepunkt Neuendorf vorzog, erhielt tatsächlich den Namen “Kaiserstraße”. Sie wurde nach 1933 zur “Straße der SA” und nach 1945 zur “Karl-Marx-Straße”. Die halbkreisförmig verlaufende “Ringstraße” wurde nach 1933 zusammen mit der noch in der Planungsphase als südliche Ergänzung angefügten Luisenstraße in Ludwig-Troost-Straße und 1946 in Virchowstraße umbenannt. Die drei parallel geführten Straßenzüge, die westlich an die Ringstraße (heute Virchowstraße) anschließen und heute ebenfalls nach berühmten Medizinern benannt sind, trugen ursprünglich die Namen von weiteren Mitgliedern des Hauses Hohenzollern: Die Friedrich-Wilhem-Straße wurde nach 1933 zur Ferdinand-Sauerbruch-Straße (nach 1945 Sauerbruchstraße), die Victoriastraße zur August-Bier-Straße und die Friedrich-Karl-Straße zunächst zur Alfred-Rosenberg-Straße; heute heißt sie Robert-Koch-Straße. Die heutige Rosa-Luxemburg-Straße, die fast parallel zur Karl-Marx-Straße (Kaiserstraße) verläuft und die Querachse des geplanten Hippodroms darstellen sollte, trug den Namen der Kaiserin Augusta; ab 1938 hieß sie Wilhelm-Filchner-Straße.

Die Größe der Parzellen richtete sich im wesentlichen nach den Gegebenheiten des Terrains. Zur Parzellierung heißt es: “Zu dieser ist zu sagen, daß die Parzellen 2 bis 50 Wasserparzellen in einer Breite von 20-25 Metern und in einer Tiefe von 80-110 Metern sind, also die teuersten werden. In der Kaiserstraße zur Landseite sind sie wohl als Ausgleich 40 Metern breit und 90 Meter tief. Eine Ausnahme bildete das alte v. Türksche Grundstück mit einer Straßenfront von 140 Metern und einer Grundstückstiefe von 90 Metern. Die gesamte Fläche zwischen Park Babelsberg und der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße haben Ende und Böckmann in 176 Parzellen aufgeteilt. Innerhalb der Ringstraße (Virchowstraße) war keine Bebauung vorgesehen. Die dort liegende Gaststätte wurde ausgekauft.”(5)

Der Parzellierungsplan hatte jedoch einen Schwachpunkt: Die Wassergrundstücke südlich der Ringstraße zwischen Friedrich-Karl-Straße (Robert-Koch-Straße) und Domstraße waren viel zu lang und schmal. Durch die nachträglich eingefügte “Neue Ringstraße”, später Luisenstraße und heute mit der Virchowstraße zu einem Straßenzug vereint, wurden die Grundstücke noch in einer Frühphase der Realisierung des Projekts unterteilt. Die Parzellen bekamen damit nicht nur einen günstigeren Zuschnitt, sondern ihre Zahl erhöhte sich nunmehr von 176 auf insgesamt 190. Der Bebauungsplan wurde am 23.9.1873 genehmigt (6), und drei Tage später (26.9.1873) erhielt das geplante Villen-Terrain am Griebnitzsee die Ortsbezeichnung “Neu-Babelsberg”.

 

3. Die bauliche Entwicklung in Neubabelsberg

a) Die erste Bauphase

1874 waren die ersten Häuser fertiggestellt. Trotz der Vorzüge der Lage, der relativ günstigen Verkehrsanbindung und der Nähe des Griebnitzsees entwickelte sich die Kolonie Neubabelsberg zunächst äußerst langsam. In einer amtlichen Notiz vom 11.4.1875 heißt es: “Die Straßen zeigen noch ein recht groteskes Aussehen.” (7) Gebaut wurde nur wenig. Noch bis in die 1890er Jahre lassen die Pläne von Neubabelsberg – abgesehen von den direkt am Ufer gelegenen Grundstücke – eine sehr spärliche Bebauung erkennen. Im Gegensatz zur Kolonie Wannsee mit ihren prächtigen Villen entstanden in Neubabelsberg offensichtlich zunächst nur Sommerhäuser. Die Bauakten, die leider nur wenig Auskunft über die baulichen Aktivitäten der Anfangszeit geben, berichten umso ausführlicher über spätere Anbauten, Aufstockungen und Ergänzungen, die davon zeugen, daß die ersten Bauten vermutlich sehr viel kleiner dimensioniert waren als die späteren Häuser und in erster Linie dem Sommeraufenthalt dienen sollten.

Nur Wilhelm Böckmann leistete sich ein größeres Anwesen. Sein wohl noch vor 1880 erbauter “Böckmannhof” lag in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße nahe dem Bahnhof Griebnitzsee. Nur wenige Spuren sind davon erhalten. In der Rudolf-Breitscheid-Straße 220 erinnern die Reste der Umfriedung, ein schmiedeeisernes Tor mit den Initialen WB und EB und ein romantisches kleines Portierhaus heute noch an den in einen großen Park eingebetteten Böckmannschen Privatbesitz, der sich zwischen Stubenrauchstraße und Rudolf-Breitscheid-Straße erstreckte. Hermann Ende, der Kopf der Sozietät Ende & Böckman, Professor an der Bauakademie und später an der Technischen Hochschule Charlottenburg, außerdem von 1895-1904 Präsident der Akademie der Künste, schuf sich indes sein neues repräsentatives Domizil in der damals von der Berliner Gesellschaft offensichtlich bevorzugten Kolonie Alsen in Wannsee. Seine Ville stand in der Straße Am Kleinen Wannsee 6/6a.

Von den ersten Bauten der Kolonie Neubabelsberg ist nur noch das 1874 von Ende & Böckmann erbaute Haus Karl-Marx-Straße 3 (Parzelle 5) erhalten. Obwohl später überformt, läßt der Bau noch deutlich die typischen Elemente des Spätklassizismus erkennen, der in Potsdam im Gegensatz zu Berlin sehr lange tradiert und nur zögernd durch den üppigen Historismus der wilhelmischen Ära abgelöst wurde. Auch das Haus Virchowstraße 43 (ursprünglich Ringstraße 8) geht noch auf Böckmann & Ende zurück. Es wurde 1881 für Adolph L´Arronge (1838-1909), Mitbegründer des “Deutschen Theaters zu Berlin” in der Schumannstraße und dessen Leiter bis 1894, ebenfalls noch im spätklassizistischen Stil errichtet, erfuhr jedoch nach 1920 durch den Messelschüler Alfred Breslauer grundlegende Veränderungen. Das Haus wurde 1938-39 zur “Reichsführerinnenschule” umgebaut. Unter den nicht mehr vorhandenen frühen Bauten von Böckmann & Ende für die Villenkolonie ist noch erwähnenswert das vermutlich schon vor 1880 für Helene Ende erbaute Sommerhaus Luisenstraße 9 (heute Grundstück Virchostraße 23), das später in den Besitz von Elisabeth Wentzel-Heckmann überging und 1914 der Villa Urbig weichen mußte. Von Böckmann & Ende stammt auch das Haus Virchowstraße 27. Es wurde jedoch erst 1890 für den von Kaiser Wilhelm II. besonders verehrten Marinemaler Carl Saltzmann (1847-1923) erbaut und gehört damit nicht mehr der Frühphase der Villenkolonie an.

 

b) Die zweite Bauphase

Nach der anfänglichen Begeisterung für die Villenkolonie ließ der Bauboom in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts langsam nach. Erst die 1890/91 eröffnete “Neu Wannseebahn”, die dank der neu eingerichteten Haltestelle “Neu-Babelsberg” (heute Station Griebnitzsee) nunmehr eine optimale Verkehrsanbindung darstellte, brachte das Projekt wieder etwas ins Rollen. Ab 1890 zeichnete sich deutlich eine verstärkte Bautätigkeit in der Villenkolonie ab, die sich jedoch rasch wieder erschöpfte, nachdem die direkt am Griebnitzsee liegenden Grundstücke weitgehend bebaut waren.

Im Jahre 1897 – als die Station “Neu-Babelsberg” ein neues attraktives Empfangsgebäude in Gestalt eines pittoresken Holzpavillon bekam, den die Berliner Architekten Kyllmann & v. Heyden 1873 für die Weltausstellung in Wien geschaffen hatten und jetzt hierher versetzen ließen (8), startete die “Societät Neubabelsberg” eine neue Werbekampagne. Die Werbebroschüre faßt kurz noch einmal rückblickend die wesentlichen Aspekte aus der Gründungsgeschichte der Villenkolonie zusammen: ”Die Nachbarschaft der Gärten von Babelsberg und Glienicke musste auch die Berliner locken, und so wurde die bevorstehende Eröffnung der Wannseebahn der Anlaß zur Gründung der Societät Neubabelsberg. Sie erfolgte Ende des Jahres 1871 durch ein Consortium, dem neben dem jetzt verstorbenen Consul J. Müller als Hauptbeteiligte die Architekten Ende und Böckmann angehörten. Das Land, das angekauft wurde, war zwar zum grössten Teil Eigenthum des Herrn von Türk, dazu wurde forstfiskalisches Terrain erworben. In den Jahren 1872-73 wurden die ersten Straßen angeschüttet und reguliert, Bäume gepflanzt und das Wasserwerk gebaut, das 1874 in Betrieb genommen wurde. Die ersten Villen wurden im Jahr 1874 gebaut. Im selben Jahr wurde die Dampferlinie auf dem Griebnitzsee vom Kaiser genehmigt, welche dann im Sommer 1876 eröffnet wurde.” (9)

Angezogen hatte die Neubabelsberger Idylle aber schon vorher nicht nur Kaufleute und Fabrikbesitzer – insbesondere die Besitzer der aus der Webertradition hervorgegangenen Fabriken der Potsdamer Tuchindustrie -, sondern vor allem auch Berliner Bankiers, die vermutlich durch die zahlreichen nach der Reichsgründung 1871 von Ende & Böckmann in Berlin errichteten Bankgebäude (1871-73 Preußische Boden-Credit-Bank, 1872-74 Mitteldeutsche Credit-Bank, 1874 Deutsche Unionsbank, 1884-85 Nationalbank für Deutschland, 1889-91 Diskonto-Gesellschaft, 1890-92 Darmstädter Bank) auf die Villenkolonie aufmerksam gemacht worden waren. Am auffallensten ist aber die Zahl der Architekten, die in Neubabelsberg nicht nur bauten, sondern sich dort auch niederließen.

Unter den Architekten, die Neubabelsberg zu ihrem Wohnsitz machten, ist zunächst Heinrich Kayser (1842-1911) aus der bekannten Berliner Sozietät Kayser & v. Grozsheim zu nennen. Sein 1890/91 erbautes imposantes Landhaus mit Bootshafen am Griebnitzsee stand schräg gegenüber vom Bahnhof Neubabelsberg. Es fiel vermutlich den Grenzbefestigungen der DDR zum Opfer. Erhalten sind dagegen die vom Büro Kayser & Groszheim erbauten Häuser Karl-Marx-Straße 2 (erbaut 1892 für den Verlagsbuchhändler Carl Müller-Grote) sowie Virchowstraße 22 und 25 (erbaut 1900 für Elisabeth Wentzel-Heckmann, reiche Erbin des Berliner Messingwerkbesitzers Carl Heckmann, die nach und nach auch noch weitere Grundstücke in der Nachbarschaft erwarb). Der Architekt Heinrich Seeling (1852-1932), Mitarbeiter in den Büros von Kayser & Grozsheim sowie Ende & Böckmann und seit 1907 Stadtbaurat von Charlottenburg (Theater am Schiffbauerdamm in Berlin), erbaute sich 1901 sein Wohnhaus in der Karl-Marx-Straße 34. Sein Nachbar zur Rechten, Karl-Marx-Straße 33, war seit 1902 der Architekt Carl Zaar (1849-1924), u.a. Schöpfer des Elefantentors des Berliner Zoos. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Klein-Glienicke. Emanuel Heimann (1855-1910), vorübergehend mit Zaar & Vahl in einer Bürogemeinschaft tätig und nach dem Tod von Böckmann im Jahre 1902 Direktor der Terraingesellschaft Neubabelsberg, ließ sich in dem von ihm um 1890 erbauten Haus Virchowstraße 45 (Ringstraße 7) nieder. Zu den wichtigsten und architektonisch interessantesten Bauten Heimanns zählt das 1903 für den Rentier Alfred Volpi im englischen Landhausstil errichtete Haus Domstraße 1/3.

Gebaut haben in Neubabelsberg vor 1900 auch noch andere bekannte Berliner Architekten, die indes hier nicht wohnten. Gustav Lilienthal (1849-1933), jüngerer Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal und selber voller Erfindungsgeist (Anker-Steinbaukasten) und reformerischer Ideen, erbaute 1895 für den Generalleutnant und Kommandeur verschiedener Infanterieregimenter Oskar Lademann (1840-1930) die zinnenbekrönte Villa Karl-Marx-Straße 66. Lilienthal hatte in Lichterfelde mit seiner eigenen Villa, der eine ganze Reihe ähnlicher Häuser folgten – die übrigends im Inneren, ganz im Gegensatz zu ihrem äußeren Erscheinungsbild, eine bemerkenswerte Funktionalität sowie interessante bautechnische Details aufwiesen – auf sich aufmerksam gemacht. Von Reimer & Körte, den Hausarchitekten der Firma Borsig, deren Name noch heute mit dem “Borsig-Tor” in Tegel verbunden ist, stammte das im Jahre 1900 für den Direktor der Mitteldeutschen Credit-Bank, Karl Mommsen, erbaute Haus Domstraße 8.

Auch Geisteswissenschaftler, die die Ruhe und Einsamkeit der Potsdamer Seenlandschaft schätzten, zog es nach Neubabelsberg. Zu den bekanntesten unter ihnen zählten Friedrich Sarre (10) (1865-1945; Grab auf dem Friedhof in Klein-Glienicke), Direktor der Islamischen Abteilung des Kaiser Friedrich-Museums (heute Pergamon-Museum) in Berlin, der sein 1906 von Otto Sior in der Spitzweggasse 6 erbautes Haus u.a. mit einer Kopie des bekannten Löwenfries der Prozessionsstraße in Babylon schmücken ließ und der Philosoph Alois Riehl. Dank Riehl fand die Architektur der Moderne Einzug in Neubabelsberg.

 

4. Das Neue Bauen in Neubabelsberg

Das 1907 erbaute Haus Riehl in der Spitzweggasse 3 ist das Erstlingswerk von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969). Mies baute später noch zwei weitere Häuser in Neubabelsberg: 1915 die Villa Virchowstraße 23 für den Bankier Franz Urbig und 1924-26 die Villa Karl-Marx-Straße 28/29 für den Direktor der Dresdner Bank, Georg Mosler. Mies war 1909/10 Mitarbeiter von Peter Behrens, der sich 1908 in Neubabelsberg in der heutigen Stahnsdorfer Straße, Ecke Rote-Kreuz-Straße, im ehemaligen “Erdmannshof” – dessen Reste erst vor wenigen Jahren abgerissen wurden (!) – ein großes Atelier eingerichtet hatte. Es zählte damals zu den bedeutendsten Architekturbüros Europas. Außer Mies arbeiteten dort um 1910 auch Walter Gropius (11), Adolf Meyer und kurzfristig auch Le Corbusier – drei international bekannte Architekten, die jedoch (wie auch Peter Behrens selbst) nichts in Neubabelsberg gebaut haben. Nur Jean Krämer (1886-1943), langjähriger Bürochef bei Peter Behrens und Schöpfer zahlreicher Betriebsbahnhöfe für die Berliner Straßenbahn, hinterließ in Neubabelsberg sichtbare Spuren: Er schuf 1924 für den jüdischen Kaufmann Norbert Wiener das Haus Rosa-Luxemburg-Straße 40; hier wohnte 1934/35 nach seiner Entlassung als Oberbürgermeister von Köln kurzfristig Konrad Adenauer (12). Paul Bonatz (1877-1956), der Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs und im Dritten Reich Mitgestalter zahlreicher Autobahnbrücken, setzte sich 1936 mit dem Haus für Anne Heine, Tochter von Paul Wissinger (13), Mitbegründer der bekannten Berliner Saatguthandlung J&P. Wissinger, in der Sauerbruchstraße 15/17 ein Denkmal. Bonatz, der sich 1943 ins Exil in die Türkei begab, hatte durch seine Bekanntschaft mit Peter Behrens offensichtlich schon lange Kontakte zu Neubabelsberg gepflegt (14).

Der aus Wien stammende und wie Bonatz der gemäßigten Moderne zuzurechnende Ernst Ludwig Freud (1892-1950), Sohn von Sigmund Freud und Schöpfer diverser Villen im Raum Berlin, zeichnete für den Umbau der Villa Virchostraße 19/21 verantwortlich. Die 1927 überformte Villa hatte sich 1890 der Geheime Regierungsrat Dr. jur. Anton Heyroth (1855-1922), der lange Jahre ehrenamtlich als Gemeindevertreter für Neubabelsberg tätig war, als Sommerhaus erbauen lassen. Mit Hermann Muthesius (1861-1927) und Alfred Grenander (1863-1931) schließt sich der Kreis der in Neubabelsberg tätigen, international bekannten Architeken. Muthesius, der große Reformer des Landhausbaus und Schöpfer der berühmten Seidenweberei Michels in Nowawes (1911/12 zerstört), erbaute 1921-22 für den Mitinhaber der Fabrik, Hans Guggenheim, das kleine Landhaus Johann-Strauß-Platz 11. Vermutlich stammt von ihm auch das kurz darauf errichtete Landhaus Rosa-Luxemburg-Straße 21. Der Schwede Alfred Grenander, der über 30 Jahre (von 1900-1930) das architektonische Gesicht der Berliner Hoch- und Untergrundbahn prägte, entwarf bereits 1911 für den Mitinhaber des Berliner Pelzhauses C.A. Herpich Söhne, Paul Herpich, das Haus Karl-Marx-Straße 27.

 

III. Neubabelsberg im Spiegel der politischen Entwicklung

1. Die dreißiger Jahre im Glanz der Ufa

Ein ganz anderes, zunächst belanglos erscheinendes Ereignis dieser Jahre sollte sich für die weitere Entwicklung der Kolonie Neubabelsberg als schicksalhaft erweisen. Südlich der Kolonie, jenseits der Bahnlinie in der August-Bebel-Straße (damals Böckmannstraße), siedelte sich 1911 in einer ehemaligen Kunstblumenfabrik die “Deutsche Bioscop-Gesellschaft” an. Sie hoffte, hier in der freien Natur bessere Licht- und Sichtverhältnisse für ihre Arbeit zu finden als in der rauchenden und staubigen Großstadt Berlin. Aus dem kleinen Stummfilmunternehmen entwickelten sich bald die großen Filmstudios der 1917 gegründeten Universum-Film A.G. (Ufa). Die Ufa machte Neubabelsberg nunmehr verstärkt zum Anziehungspunkt. Mit dem “Mythos von Babelsberg”, in den die Villenkolonie zwangsläufig einbezogen wurde, verbinden sich insbesondere nach 1933, der Blütezeit der Ufa, viele bekannte Namen wie Lida Baarova, Gustav Fröhlich, Brigitte Horney, Fritz Jacobi, Marikka Röck, Heinz Rühmann und allen voran der Progagandaminister Josef Goebbels, der im Film als einem typischen Medium für die Massen ein willkommenes Progagandamittel sah. Die Geschichten über die Ufa und ihre Stars sind überall nachzulesen und werden hinreichend kolportiert. Nur wenige Stars haben jedoch wirklich in den schicken Neubabelsberger Villen gewohnt, viele waren nur vorübergehend dort als Untermieter ansässig. Gesichert als konstante Domizile von Ufa-Stars sind nur wenige Häuser: Brigitte Horney erwarb 1939 die von Muthesius erbaute Villa des jüdischen Fabrikanten Guggenheim am Johann-Strauß-Platz 11 und Marikka Röck übernahm nach der Emigration des jüdischen Regisseurs Alfred Zeidler dessen Villa in der Domstraße 28/30.

Der Bahnhof Neubabelsberg erhielt entsprechend seiner neuen Bedeutung als Tor zu den Ufa-Filmstudios bereits 1930/31 nach den Entwürfen des Reichsbahnrats Günther Lüttich ein neues Empfangsgebäude (als Ersatz für den alten Weltausstellungspavillon). 1938 wurde der Bahnhof – unmittelbar bezugnehmend auf die weltberühmten Studios – in “Babelsberg – Ufastadt” umbenannt. Im selben Jahr, am 1.4.1938, wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Neubabelsberg nach Nowawes eingemeindet. Der böhmische Name Nowawes (deutsch: Neuendorf) wurde zugleich durch “Babelsberg” ersetzt. Die Eingemeindung von Babelsberg nach Potsdam erfolgte genau ein Jahr später, am 1.4.1939. Damit war aus der 1873 gegründeten Villenkolonie Neubabelsberg nach fast 70 Jahren ein Ortsteil von Potsdam geworden.

 

2. Die Konferenz von Potsdam und ihre Folgen

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war nicht nur der Traum der Ufa beendet, sondern auch die Villenkolonie Neubabelsberg, die sich in ihrem Glanz gesonnt hatte, sah einer anderen Zukunft entgegen. Das attraktive Villenareal wurde von den Alliierten als Unterkunft für die Delegationsmitglieder der Potsdamer Konferenz vom Juli/August 1945 bestimmt. Die Villen boten das nötige repräsentative Aussehen, ihre Lage am Wasser war gut kontrollierbar, und der Cecilienhof als Ort der Konferenz bequem über die kleine Enver-Pascha-Brücke (15) am Teltowkanal und eine schnell errichtete Notbrücke – anstelle der zerstörten Glienicker Brücke – erreichbar. Das für die Konferenzteilnehmer vorgesehene Gelände, das die gesamte Villenkolonie umfaßte und sich darüber hinaus noch nach Westen ausdehnte, wurde abgeriegelt und in drei Sektoren aufgeteilt, die man durch Schlagbäume voneinander trennte. Die drei Staatsoberhäupter der drei an der Konferenz beteiligten Siegermächte wurden in den besonders repräsentativen Villen untergebracht: Der amerikanische Präsident Truman wohnte in der Karl-Marx-Straße 2 (damals Straße der SA 2), der ehemaligen Villa des Verlegers Müller-Grote, jetzt auch “The Little White House” genannt; der englische Premierminister Chruchill, der noch während der Konferenz durch Attlee abgelöst wurde, wohnte in der von Mies van der Rohe erbauten Villa Urbig, Virchowstraße 23 (damals Ludwig-Troost-Straße 23) und Stalin in der Karl-Marx-Straße 27 (damals Straße der SA), der ehemaligen Villa Herpich. Die anderen Villen dienten als Unterkünfte für die Delegationsmitglieder, für das Personal sowie als Zentren für die Logistik und die Versorgung.

Als nach Gründung der DDR die Deutsche Film AG (DEFA) das Erbe der Ufa antrat, zogen in die Neubabelsberger Villen u.a. die Institute der neu gegründeten Hochschule für Film- und Fernsehen ein, so z.B. in die Häuser Karl-Marx-Straße 27 (Villa Herpich), Karl-Marx-Straße 33 und 34 (Villen der Architekten Zaar und Seeling), Spitzweggasse 3 (Haus Riehl), Spitzweggasse 6 (Villa Sarre) und Virchowstraße 25 (Landhaus Wentzel-Heckmann). Die Villa Urbig (Virchowstraße 23) wurde als Gästehaus der im Park von Babelsberg neu angesiedelten Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und die Villa Mosler (Karl-Marx-Straße 27/29) Bezirkskinderklinik. Andere Villen dienten als Schulen oder Kindergärten.

Veröffentlichung dieses Beitrages mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Sabine Bohle – Heintzenberg, Berlin.

 

Quellen:

(1) Suchodoletz, Samuel de: Ichnographia… Atlas der Kurfürstlichen Herrschaften Potsdam und Caputh und des Amtes Saarmund. Potsdam 1683-85, Bl. III. Eigentlicher Grundriss der Churfürstlichen Herschafft Potstamb… 1683. GstAPK Ks VI Nr. 360

(2) Weiden, Kurt, Historische, gesellschaftliche, kommunalpolitische und baugeschichtliche Entwicklung der Villen-Colonie.., 1375-1945, Typoskript.Potsdam 1983, S. 159

(3) Weiden, Kurt, ebenda. S. 160

(4) In der von Ende & Böckmann geplanten Kolonie Wilhelmshöhe, die auf Pläne von Lenné aus dem Jahre 1857 zurück ging, war aufgrund der Hanglage indes kein Hippodrom vorgesehen. Vgl. dazu Schütze, Karl-Robert: 1848-1888. Auf dem Wege zur Weltstadt. In: 750 Jahre Architektur und Städtbau in Berlin. Internationale Bauausstellung Berlin 1987 im Kontext der Baugeschichte Berlins, Stuttgart 1987, S. 103 ff.

(5) Weiden, a.a.O., S. 160 ff.

(6) Weiden, a.a.O., S. 161, ohne Angabe der Quelle

(7) zitiert nach Weiden, a.a.O., S. 162

(8) Andere Pavillons der Wiener Weltausstellung fanden in der Kolonie Alsen in Wannsee ihren neuen Standort, wo Kyllmann & v. Heyden viele Villen gebaut haben.

(9) Neubabelsberg.Verlag der Societät Neubabelsberg. 1897, S. 10 ff., zitiert nach Limberg, Jörg: Potsdam. Die Villen- und Landhauskolonie Neubabelsberg. In: Brandenburgische Denkmalpflege, Jg. 2 1993, H. 1, S. 42

(10) Sarre, dessen Eltern früh verstorben waren, wuchs im Hause der Schwester seiner Mutter Elisabeth Wentzel-Heckmann auf.

(11)Gropius hat sein 1910 zunächst in Neubabelsberg gegründetes Büro bald nach Berlin verlegt. Vgl. dazu Isaacs, Reginald R.: Walter Gropius, Der Mensch und sein Werk. B. I, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1985, S. 97 (Lebensbilder, Ullstein-Buch 27538)

(12) Limberg a.a.O., S. 48

(13) Die Familie Wissinger, Besitzer einer der größten Saatguthandlungen Deutschlands, pflegte intensive Kontakte zu vielen jungen Künstlern und betätigte sich als deren Förderer. Das 1920 von Max Taut auf dem Stahnsdorfer Friedhof erbaute Erbbegräbnis der Familie zählt zu den Ikonen des Expressionismus.

(14) Eine Veröffentlichung von Peter Behrens trägt die handschriftliche Widmung an Bonatz mit dem Vermerk “Neubabelsberg, Erdmannshof, 1918”.

(15) Benannt nach dem türkischen Staatsmann und General Enver Pascha (1882-1922), der 1908 als Militärattaché nach Berlin kam und u.a. enge Kontakte zu Friedrich Sarre, dem Direktor der Islamischen Abteilung des kaiser-Friedrich-Museums, pflegte.